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Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht |
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Beiträge: n/a
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Hey Raid-Rushers im Politik-Forum,
bin gerade total zufällig über diesen Essay gestolpert. Und als ich ihn fertig gelesen hab, fiel mir ein, dass er bestimmt für den ein oder andern hier interessant sein könnte. Deckt er doch ein Großteil der Themen ab, die hier immer wieder besprochen werden. (bzw. handelt darüber) Überhaupt ist das Thema doch der Dauerbrenner schlechthin. Deswegen musst ich den unbedingt hier reinkopieren^^ Das war im Original eine pdf Datei und dementsprechend **** ist die Formatierung. Aber ich habs versucht so auszubessern, dass es lesbar ist. Wers aber trotzdem lieber im Original lesen möchte: hier bitteschön (Veröffentlicht in Cicero 11/2004) Weiterführende Gedanken, interessante Anmerkungen und Meinungen sind natürlich erwünscht. Los geht's: Die hysterische Gesellschaft von Matthias Horx Die Deutschen werden immer älter und gesünder, die Umweltbedingungen verbessern sich. Trotzdem nehmen die Ängste zu – zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht. Wer sich längere Zeit mit dem Wandel unserer Welt beschäftigt, macht irgendwann eine schockierende Entdeckung. Nachdem er alle Datenreihen ausgewertet, alle medialen Behauptungen überprüft, alle Studien abgeglichen hat, stellt er fest, dass eigentlich alles ständig besser wird. Lebenswartung, Gesundheitsversorgung, Sterblichkeit, Ernährung, Mobilität, Bildung, Technologie, Umwelt, Kriminalität, Lebensqualität – alle Kennziffern dessen, was menschliches Leben ausmacht und begrenzt, befinden sich auf einer ständigen, hartnäckigen Aufwärtskurve. Natürlich gibt es Gegen-Trends, hartnäckige Problemfelder, Regionen der Erde, in denen immer noch Bürgerkriege und Armut dominieren. Aber sobald man die menschliche Entwicklung in einen längerfristigeren Kontext, in einen globalen Trend einordnet, gilt: Das menschliche Leben verbessert sich. À la longue – so könnte man die Zukunfts-Formel auf den Punkt bringen – kommen immer mehr Menschen in den Genuss dessen, was man „Fortschritt“ nennt. Und das gilt längst nicht mehr nur für die privilegierte Hälfte des Planeten. Eine Kostprobe? 1973 konnten 47 Prozent aller Menschen lesen und schreiben. Heute sind es 73 Prozent. 1995 lebten 1,6 Milliarden Menschen in nach UN-Terminologie „mittleren Lebensverhältnissen“. Heute sind es 3,5 Milliarden, und es werden, im weltweiten Wirtschaftsaufschwung unserer Tage, täglich viele mehr. Große Volkswirtschaften wie China, Indien, selbst Vietnam und Brasilien entwickeln derzeit alle Anzeichen aufstrebender Mittelstandsgesellschaften – wie etwa Deutschland in den fünfziger Jahren. Man muss noch nicht einmal die Zeitung aufschlagen oder den Fernseher einschalten. Es reicht, sich einfach mit dem Nachbarn zu unterhalten, dann entsteht ein radikal anderes Bild unserer Wirklichkeit. Eine Lawine von Weinen und Greinen, Klagen und Bedauern, Bemängeln und Negieren, Befürchtung und banger Erwartung geht auf uns nieder. Eiskatastrophe, Krieg der Generationen, Krieg der Armen gegen die Reichen, Krieg der Kulturen, Verfall der Werte, Sozialkrieg – keine Metapher scheint stark und abgenutzt genug. Unentwegt dröhnt um uns herum, bis in die tiefsten Tiefenschichten unserer Kultur, eine Rhetorik des „Endismus“, des Niedergangs, des endgültigen Verlustes, des permanenten Ausnahmezustands. Und in dem existiert nur eine einzige, heilige Regel, ein Mantra, gegen das Widerspruch einzulegen völlig zwecklos scheint: Alles wird immer schlechter! Woran liegt das? Wie entsteht diese bizarre Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Rezeption, Welt-Gefühl und Welt-Entwicklung? Eine weltweite Studie des US-Marktforschungsinstituts Galup zur Zufriedenheit und zum Zukunftsbild der Menschen zeigt, dass nur 15 Prozent aller Deutschen glauben, dass „die Zukunft besser werden könnte als die Vergangenheit“. Gleichzeitig liegt dieser Hoffnungs-Indikator in Vietnam, China, Indien und selbst in gebeutelten Ländern wie Burkina Faso oder Botswana drei- bis viermal über unserem. Warum genießen und entwickeln wir nicht unseren Wohlstand? Sind wir ein Land der Miesepeter? Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht. 1. BEFRIEDIGTE ERWARTUNGEN. Menschen in Wohlstandsgesellschaften, so argumentiert der amerikanische Publizist Gregg Easterbrook in seinem Buch „The Progress Paradox“, funktionieren psychologisch wie Börsenkurse. Glücklich sind wir nicht, indem wir unsere Lebensumstände objektiv messen und für gut (oder auch verbesserungswürdig) befinden. Glücklich sind wir dann, wenn wir Zuwachs erwarten können, wenn wir Steigerungserwartungen haben. Steigerung ist leichter vorstellbar, wo Mangel herrscht. In einer saturierten Wohlstandsgesellschaft, in der ein Zweitwagen für mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine reale Option darstellt, entwickelt sich schnell das so genannte „Zenit-Gefühl“: „Weil es uns heute so gut geht, kann es uns Morgen nur schlechter gehen …“ Die versteckten Traumata historischer Erfahrungen verstärken in unserem Land diesen Effekt. „Heute, das ist wie der Felsvorsprung über dem Abgrund“, schrieb die Fernost-Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung, Charlotte Wiedemann, bei ihrer Rückkehr aus Vietnam über ihre alte Heimat. „Morgen, übermorgen, in zehn, zwanzig Jahren, was mag da sein? Ein Land in Melancholie, wie im kollektiven Herbst des Lebens; das Beste liegt hinter uns, unwiederbringlich.“ 2. SELEKTIVE WAHRNEHMUNG. Wir konzentrieren auf ein bestimmtes Problem und vergessen den Rest. Dass eine erhöhte Anzahl dicker Kinder existiert, nehmen wir für das Ganze – und vergessen dabei, dass heute die meisten Kinderkrankheiten (man denke an Kinderlähmung, Rachitis) nahezu ausgerottet sind, dass Karies massiv auf dem Rückzug ist, das heute sogar eher mehr Sport getrieben wird als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. Sars wird zu einem überragenden Problem, während wir Rückgänge in der Infarktmortalität (wie sie in vielen Ländern stattfinden) einfach ausblenden. Ähnliches gilt für Phänomene wie Klima, Umwelt, Krieg: Die Medien zoomen einzelne Versatzstücke aus diesen Angst-Themen so nahe an uns heran, dass wir das Große, Ganze aus dem Auge verlieren. Der Philosoph Odo Marquard spricht in diesem Zusammenhang listig vom „Prinzessin-auf-der-Erbse“-Syndrom, oder, unterkühlter, von der „Erhaltung des Negativitätsbedarfs“: „Wo Kulturfortschritte wirklich erfolgreich sind und Übel ausschalten, wecken sie selten Begeisterung; sie werden vielmehr selbstverständlich, und die Aufmerksamkeit konzentriert sich dann auf die Übel, die übrig bleiben. Dabei wirkt das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative. Knapper werdende Übel werden negativ kostbarer …“ Dazu kommt der „Naming“ –Wahn der modernen Medien- Sprache, die uns ständig neue „Erbsen“ suggeriert, die zu monströsen Elefanten aufgeblasen werden. Die alltägliche Widerwärtigkeit von Menschen untereinander heißt nun plötzlich „Mobbing“ und nimmt, so steht es jeden Tag in der Zeitung “epidemieartige Züge“ an. Dass Menschen andere Menschen auf die Nerven gehen und verfolgen, nennt sich jetzt“ Stalking“ : Jeder fünfte Deutsche schon gestalkt!, tönt ein Boulevardblatt. Dabei geraten Maßstäbe und Interpretationsebenen völlig aus dem Ruder, es findet, frei nach Norbert Bolz, eine „Verübelung des Normalen“ statt. Eine Studie des Hochschulmagazins Unicum fand – Skandal – dass doppelt soviel Studentinnen (9 Prozent) wie andere Frauen an Essstörungen leiden! Besonders der Einfluss von Alkohol sei frappierend: 16 Prozent der 2500 Befragten seien schon einmal wegen einer durchzechten Nacht zu spät in die Vorlesung gegangen!“ 3. VERGESSLICHKEIT UND NOSTALGIE. Nichts blenden wir so gerne aus unseren Wirklichkeitskonstruktionen aus wie vergangene Not. So „vergessen“ wir einfach die Zeiten, in denen die Hälfte des Planeten vom Kommunismus tyrannisiert wurde. Kann sich noch jemand an die gar nicht lang zurückliegende Zeit erinnern, als waffenstarrenden Atomarsenale in Mitteleuropa aufeinander gerichtet waren? Als ein Krieg – wie etwa der Iran-Irakkrieg in den frühen 80ern – in zwei Jahren zwei Millionen Tote forderte. Alles vergessen, zugunsten der – angeblich – viel größeren Schrecken der Gegenwart. Wir dämonisieren die heutigen Schulen als Brutstätten der Verwahrlosung und Gewalt – wie schrecklich und autoritär die Schulen unserer Kindheit waren, fällt unter das Amnesiegebot. Wir klagen die „Kälte“ des heutigen „Medizinapparates“ an. Aber wer erinnert sich noch daran, wie es war, in den 60er Jahren zum Zahnarzt gehen zu müssen? Warum das so ist, hat mit einer ganz simplen menschlichen Grundkonstruktion zu tun: „Kindheit ist Heimat“. Erinnerung verklärt, macht milde, zeichnet weich. Menschlich ist dies verständlich. Aber diese amnesische Nostalgie bildet das psychologische Fundament reaktionärer und zukunftsfeindlicher Weltbilder, wie sie in unserer Diskurs common sense geworden sind. Wenn „früher“ sowieso alles besser war, dann haben die Nachgeborenen, die Zukünftigen, diejenigen, die etwas anderes wollen, keine Chance. Dann ist „die Jugend“ immer nur „Generation Fun“, und alle Erscheinungen der Moderne lassen sich nur als Anzeichen von Dekadenz, Wertverfall und Disziplinlosigkeit (oder Mangel an Solidarität/ Politiker-Ehrlichkeit et cetera) interpretieren. Im „nostalgistischen“ Weltbild ergibt Moderne keinen Sinn, wird Zukunft zum versiegelten, unbetretbaren Terrain. 4. DIE DEPRESSIV-ELITÄRE GEISTESELITE. Immer schon haben die Intellektuellen den Untergang als Stachel, Peitsche und Selbstbeweihräucherung goutiert. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Yeats mit seiner Poesie von der „Verlorenen Mittelschicht“ in aller Munde („The Centre Cannot Hold!). In den 50er Jahren wurden Spengler und Sartre („Untergang des Abendlandes“, „Der geworfene Mensch “) zu Taktgebern des intellektuellen Lebens. In den 70er Jahren begann dann der große Aufstieg der 68er-Intellektuellen, die mit ihrem düsteren Negativismus nicht zuletzt mit ihren Vätern abrechneten. Und die innerhalb nur eines Jahrzehnts die Meinungsbastionen in Presse, Funk und Fernsehen eroberten. Sie prägen bis heute den Grundtenor unserer Kulturproduktion– bis in die tiefsten semantischen Verästelungen. „Sechs nackte Damen flicken deutsche Fahnen, ein Kinderchor plärrt und eine nackte blonde Eva bietet ihre Rückenansicht über flackernden Kerzen dar – dazu knallen Nazi-Stiefel, und man labert gegens Kapital und die Nächstenliebe“ – so eine typische Theaterbesprechung im Spiegel, mit der Kresnik oder Schlingensieff oder beliebig alle anderen deutschen Regisseure seit 1966 gemeint sein können. Dazu bieten Martin Walser und Botho Strauss das unentwegte Moll des Niedergangs der Seelen und Gemüter, mal neo-liberal, mal konsumterroristisch begründet. Nein, das ist nicht feingeistig, es ist nicht „kritisch“, es ist im hohen Grade selbst-ökonomisch. Denn der Intellektuelle als säkularer Sinnstifter kann Gehör nur als Retter finden, in der Aura des Erzengels, des moralisch Überlegenen. Es begründet aber auch, warum sich die Intellektuellen so umstandslos aus der Zukunftsdebatte wegstehlen konnten. Wenn der Wandel real wird, haben sie nichts mehr zu sagen. 5. DIE INDUSTRIE DER ANGST. 2003 erschien eine Studie, die dem Feldhasen innerhalb eines Jahres eine kräftige Populationszunahme – von 11 auf 13 Tieren pro Quadratkilometer, das macht stolze 4,6 Millionen deutsche Hasen – nachwies. Im Frühjahr 2004 gab es eine Meldung, der deutsche Feldhase sei auf der Liste der Roten Arten gelandet. Die Art sei durch vielfältige zivilisatorische Aktivitäten in ihrem Bestand bedroht. Wie das? Die erste Studie stammte vom Deutschen Jägerverband, der damit darauf hinwies, dass es Zeit sei, mehr Hasen vor die Flinte zu nehmen. Die Zweite vom Bundesamt für Naturschutz argumentierte im Interesse des Guten, also der Natur. Wenn es uns schon mit den Hasen so geht, dass sie „political animals“ sind, die der Wahrheit davonhoppeln – könnte es nicht mit anderen Themen und Tieren auch so sein? Greenpeace etwa. Ist es vorstellbar, dass diese Organisation, die für die Deutschen auf Rang zwei der „glaubwürdigsten Institutionen oder Personen“ rangiert (nach Mutter Theresa), ein knallhartes Eigeninteresse verfolgt? Dass vielleicht sogar Bürgerinitiativen, Hilfsorganisationen, Globalisierungsgegner oder Klimaforscher die Wirklichkeit in ihrem Sinne, sagen wir, uminterpretieren? Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer. In der Ökonomie der Aufmerksamkeit sind die Akteure auf drastische Bilder angewiesen. Greenpeace muss, auf der Suche nach lukrativen Spenden, ständig die Dosis der Weltgefährdung erhöhen – geschlachtete Wale, Chemieopfer, Meeresverseuchung. In Verbindung mit den modernen Medien wuchert so eine „Headline Amplified Anxiety“ (Easterbrook), ein durch die Medien in ihrer verzweifelten Suche nach Auflage und Empörung verstärkter „Markt der Bedrängnis“ (Pascal Bruckner), eine „Symbolindustrie der Angst“. Das Ende vom Lied sind dann Bohrinseln, die gar nicht gefährlich sind. Oder, weitaus schlimmer, Kindesmissbräuche, die niemals stattgefunden haben, und durch die menschliche Existenzen zerstört, ja vernichtet werden. Das Ende von Lied kann, wenn es schlecht läuft, eine grassierende Hysterie sein, die sich ihre eigenen Opfer und Wirklichkeiten schafft. Und irgendwann Abstumpfung, Zynismus. Und wenn es wirklich brennt, ist niemand mehr da, der dem Alarmruf folgt. 6. GRANDIOSE INSZENIERUNG. Die wenigen Publizisten, die die Probleme unserer Welt auch von ihrer Haben-Seite formulieren (die Alterung zum Beispiel – ist das nicht eine bemerkenswerte Öffnung der Lebenshorizonte?), kommen in Feuilletons und Talkshows praktisch nicht vor. Die wenigen Publizisten, die dem öffentlichen Klagechor zu widersprechen wagen – man denke an den dänischen Politologen und Umweltökonomen Björn Lomborg oder die deutschen Anti-Alarmisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch – sind Gegenstand vielfältiger Hassattacken. Sind wir wirklich an der Klima-Katastrophe interessiert oder goutieren wir vielmehr die Inszenierung, die mit einer solchen „Story“ verbunden ist? Roland Emmerichs Film „The Day after Tomorrow“ zeigt diesen Effekt wie unter dem Brennglas. Emmerich macht aus etwas Undeutlich-Unheimlichem einfach – eine Flutwelle. Ein Märchen. Damit gibt er unseren diffusen Ängsten eine archaische Gestalt, die sie in die in Bilder aus den Tiefen der menschlichen Geschichte einordnet: Sintflut – Schuld –Erfrieren – Errettung – eine schönere Angstbannung kann es nicht geben. Die religiösen Wurzeln dieser Stilisierung sind nicht zu übersehen, und sie durchziehen wie ein Code die gesamte Ökologiedebatte. Die ketzerischen Öko-Optimisten Maxeiner und Miersch formulieren es drastisch: „Wie im Christentum rankt sich die Vorstellungswelt des Ökologismus um die Erwartung einer Endzeit, auf die man sich durch Verzicht und Buße vorbereiten soll. Das Schrifttum zur „Klimakatastrophe“ steckt voller solcher Motive. Die Natur ist gut, der Mensch ist schlecht. Und wenn der Mensch nicht gehorcht, droht ihm „die Rache der Natur“. 7. OHNMACHTSBANNUNG DURCH SELBSTÜBERHÖHUNG. Im Niedergangsgefühl steckt so auch eine narzistische Komponente, deren Kraft man nicht unterschätzen sollte. Menschen sind ohnmächtig. Auch im Zeitalter der Technologie sind sie auf vielfältige Weise äußeren Kräften ausgesetzt. Wir sterben. Wir sind endlich. Wir scheitern. Es gibt Naturkatastrophen, die wir nicht beeinflussen können. Das ist schwer zu ertragen, und so „machen“ wir uns lieber das Wetter zu einem menschengemachten Desaster. Wir deklarieren den Ausnahmezustand, weil das immer noch leichter zu ertragen ist als Ohnmacht. Es zeugt von einer „reversen Hybris“: Sind wir nicht so mächtig, dass wir den Wohlstand/ den Frieden/ die ganze Biosphäre zum Kippen bringen können? „Noch nie wurde so viel …“ „Immer mehr …“ „Unsere Gesellschaft hat heute …“ – in diesen negativen Dramatisierungen wird die Gegenwart als ein ganz besonderer Moment der Geschichte, ein Scheitelpunkt, eine „große Bifurkation“ interpretiert. Das schmeichelt unserem Lebensgefühl. Wer möchte nicht in einer ganz besonderen Zeit leben? Und wer erträgt Normalität? Während Normalität dem Einzelnen Geduld und Selbstbescheidung abfordern, wird in der Phantasie des Unter- und Niedergangs das Existenzielle in uns geweckt. Harmlos ist das keineswegs. Es begründet vielmehr den Hang zum Ausnahmezustand, die „Drift ins Existentielle“, in die Katharsis, die in der deutschen Geschichte manchen Stiefelabdruck hinterlassen hat. Ernst Jünger brachte es in seinem „Stahlgewitter“ auf den Punkt, wie im Ersten Weltkrieg eine ganze Generation der Langeweile in Richtung auf eine „heroische Zeit“ davonlief: „Wir hatten Hörsäle, Schulbänke und Werktische verlassen (…) Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr …“ 8. EVOLUTIONÄRE KONDITIONIERUNG. Könnte es nicht auch schlicht sein, dass uns die Evolution selbst den Hang zur ständigen Besorgnis in die Wiege gelegt hat? Aus nahe liegenden Gründen war es in der Steinzeit von Vorteil, ständig auf der Hut vor Weltuntergängen in Form von Buschbränden, Mammuts oder Säbelzahntigern zu sein. Es lohnte sich also, ständig Adrenalin in den Adern zu haben, auch wenn der Winter mild und die Vorratskammern gefüllt waren. Diesen Reflex haben wir in einer Moderne übernommen, die uns mit lauter Komfort und Annehmlichkeiten verwirrt und dadurch nur von einer Panik in die andere scheucht … 9. IDEOLOGISCHE ÜBERTRAGUNGEN. Der Soziologe Karl Otto Hondrich schrieb vor einigen Jahren im Spiegel: „Letztlich wollen wir nicht wissen, ob Erkenntnisse wahr sind, sondern wohin sie gehören.“ Dieses tief greifende Bedürfnis – Orientierung im ideologischen Raum, Schuldzuweisung und Eigenentlastung – hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher noch verstärkt. Denn unsere Welt ist vielfältiger, offener, widersprüchlicher geworden. In der bipolaren Welt des Kalten Krieges waren die Dinge durchaus geordnet. (Nichts war schöner als in den goldenen Wirtschaftswunderzeiten strammer Verzichts-Kommunist zu sein!). Heute aber gilt zunehmend, was ein Ex-Arbeitsminister der USA über die Arbeitswelt der Zukunft sagt: „Mehr Jobs. Mehr Chancen! Weniger Sicherheit!“ Viele Menschen reagieren auf diese Zumutung mit verstärkter Sehnsucht nach neuen Frontlinien. Aus dem „Schweinesystem“ wird nun das Imperium, der Kapitalismus heißt jetzt Neo-Liberalismus, und Armut ist einfach eine Verschwörung der Reichen. Überhaupt, Verschwörungen, in all ihren Spielarten: Die Amerikaner haben den 11. September selbst verursacht /Die Amerikaner sind nie auf dem Mond gelandet/ In der Wirtschaft der Zukunft werden nur noch 20 Prozent der Menschen gebraucht. All das entlastet die Hirnzellen und Gefühlsnerven von allzu viel Komplexität. 10. JAMMERPROFITE. Und schließlich ist alles auch ganz banal: Das Lamento ist eine Basis-Figur des Menschen, eine soziale Entlastungsübung, ein notwendiges Geräusch. Wir klagen gegenüber den Eltern, dass sie uns nicht genug beachtet haben. Gegenüber den Lehrern, dass sie uns falsche Noten geben. Gegenüber dem Partner, dass er unsere Wünsche nicht richtig erfüllt. Der „Gesellschaft“, dass sie uns keine „sicheren Arbeitsplätze“ gibt. Ohne Klage ist soziales Leben gar nicht möglich. Ein Experiment der Wissenschaftlerin Antonia Hamilton an der Universität London zeigt, wie drastisch und zuverlässig dieser Mechanismus funktioniert. In einem Feldversuch ließ Hamilton Menschen Kisten heben und deren Gewicht schätzen. Solange sie dies alleine taten, waren die Schätzungen sehr realistisch. Sobald eine Gruppe in der Nähe ebenfalls Kisten hob, wurde das Gewicht der eigenen Kiste deutlich höher geschätzt. Die Figur des Opfers, die Pose des ungerecht Behandelten, ist in vielerlei Hinsicht komfortabler als alle anderen Konstruktionen des Selbst. Man entzieht sich dem moralischen Vorwurf des Privilegs. Man begibt sich auf Augenhöhe mit den Schwächeren. Wer klagt, gewinnt also im relativem Kosmos des Sozialen an Terrain. Das ist in einigermaßen balancierten Kulturen (man denke an die südliche „Mamma-Mia“-Gestik) kein größeres Problem, weil es durch eine Vielzahl von vitalen Impulsen ausgeglichen wird. In unserem Kulturkreis wird die Klage jedoch ideologisiert und kulturell totalisiert – und dadurch erlernte Hilflosigkeit tief in unsere Kultur einzementiert. Pascal Bruckner schrieb in seinem Buch „Ich leide, also bin ich“ vom „Infantilismus und der Viktimisierung“ moderner Gesellschaften. „Zu beidem gehört jenes Paradox des heutigen Individuums, das bis zum äußersten auf seine Unabhängigkeit bedacht ist, zugleich aber Fürsorge und Hilfe beansprucht, das die Doppelgestalt des Dissidenten und des Kleinkindes miteinander verbinden möchte und die doppelte Sprache des Nonkonformismus und der unstillbaren Forderungen spricht.“ Und er fährt fort: „Warum ist es ein Skandal, so zu tun, als gehe es einem schlecht, wenn man unter nichts zu leiden hat? Weil man dadurch den wirklich Armen den Platz wegnimmt!“ Aus all diesen Gründen wird das Fortschrittsparadox uns wahrscheinlich so schnell nicht verlassen. Denn genau darum geht es: Wir wollen die Welt nicht anders, zukunftsoffen interpretieren, weil wir dann bestimmte Plätze räumen müssen, auf denen wir es uns eingerichtet haben. Das ist keineswegs ein Randphänomen moderner Medien- und Individualgesellschaften, sondern unser eigentliches Problem. Denn es mündet in der Gefahr einer hysterisierten Gesellschaft, die ihre „Soziostase“ verliert, ihre Fähigkeit, Gefahren und Risiken richtig einzuordnen und zu beantworten. Sie geht – das ist vielleicht noch schlimmer – auf Dauer jeder lebendigen Liebenswürdigkeit verlustig, die wir dringend brauchen, um zu wissen, was es zu verteidigen gilt. Existentielle menschliche Eigenschaften wie Dankbarkeit, Achtsamkeit und Verantwortung, aber auch Realitätssinn, Hoffnungsbereitschaft und Zukunftsglaube kommen in ihren nur als fragile Raritäten vor. MATTHIAS HORX ist einer der einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Zuletzt erschienen von ihm „Future Fitness“ und „Smart Capitalism“ |
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Beiträge: 176
Power: 17
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habe mir mal die zeit genommen es zu lesen, kannte horx aus dem philosophieunterricht..
da ist auf jeden fall was dran mit dieser massenhysterisierung durch die medien, werde mal versuchen das ganze in zukunft umgekehrt anzuwenden, und wieder mehr positive nachrichten an mich ran zu lassen... diese skandal- und missstandsgeilheit hab ich nämlich, wie er beschreibt, ausgeblendet und als normal angesehn. bin gespannt ob sich die erkenntnis auch umgekehrt dazu nutzen lässt, sich wieder besser zu fühlen. merci.bw. do what you love, love what you do. |
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AW: Zehn Gründe, warum wir uns immer schlechter fühlen, während es uns immer besser geht |
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Beiträge: 5.165
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Habs mr auch durchgelesen, finde besonders Punkte 2 und 3 sehr zutreffend.
Joa was kann man dazu sagen, stimme im Großen und Ganzen da überein, aber ändern kann man das nicht ^^ man handelt so ja eher unbewusst, auch wenns einem jetzt vor Augen geführt wird und man zustimmt, hat mans in der nächsten Situation in der man so handelt wieder vedrängt und nörgelt wieder an allem rum ![]() Wobei es Leute gibt die es schon übertreiben und die ganze Zeit rumheulen wie ******** doch alles ist, ein gesundes Mittelmaß dürfte jedoch nicht schaden^^ Adler fliegen vielleicht hoch, aber Wiesel werden nicht in Düsentriebwerke eingesogen. ![]() Freunde sind wie Kartoffeln, wenn man sie isst, sterben sie.
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